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Die zehn Welttheater-Bilder

Bild 1: Der Alltag
Der Prolog der Strassenfeger nimmt den Schluss von Hürlimanns Welttheater 2007 auf. Nach der Weissagung, dass eine Flut unser Zeitalter beenden werde, erscheint ein Kind, welches überlebt hat. Wir lernen die Hauptpersonen kennen. Was alle umtreibt, ist die Angst, aus dem Leben nicht genug gemacht zu haben.

Bild 2: Neue Schöpfung als Hoffnungsfunke

Ärzte kündigen an, die Medizin zu revolutionieren. Ein neuer Handel entsteht: Menschen mit seltsamen Krankheiten sollen sich zur Verfügung stellen. Es winkt der perfekte Mensch.

Bild 3: Traum von der Überwindung des Elends

Die neue Verheissung führt dazu, dass sich der Reiche bessere Gene verschaffen will. Erwachsene werden in ewige Jugendliche verwandelt. Den Reichen aber spuckt die Maschinerie unverändert aus.

Bild 4: Maschinerie der Rentabilität fährt an
Der Gen-Handel explodiert. Das sehen die Geistlichen mit Sorge, weil das Heil in der Medizin gesucht wird. Das Liebespaar kann nur noch daran denken, selbst Kinder zu zeugen….“die schönschtä, beschtä, gsündischtä.“

Bild 5: Schräglage
Die Wissenschaft schürt auch beim Liebespaar die Angst, Tests sind wichtig. Nur der Penner ist zufrieden, er hat sich der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, sein Wesen wird nach und nach deformiert. Pater Clemens platzt der Kragen, erinnert die Leute, ein Mensch ohne Schwächen sei kein vollkommener Mensch („Nöd jede Hick i de Birä isch ä Chranked.“). Demonstranten und Gegendemonstranten liefern sich eine Schlacht.

Bild 6: Ein schmales Fenster im Finstern
Pater Clemens inspiziert in Begleitung des Kindes  den Klosterplatz. Es stellt viele Fragen: Warum sind die Menschen unglücklich? Er erzählt dem Kind Schöpfungsmythen – und davon, dass jede Schöpfung auch eine Zerstörung sei.

Bild 7: Das grosse Einstürzen
Der Präsident stürzt über eine Stufe und stirbt. Ein Riss ist in der Aufbruchsbegeisterung. Was soll der Perfektionswahn? Aus der Verabschiedung des Präsidenten entpuppt sich ein Karneval, die Wut der Menschen über die ausbleibende Erlösung führt zu Exzessen. Die Maschinerie produziert nur noch Ungeheuer.

Bild 8: Durchatmen
Die Ärzte waschen die Hände in Unschuld. Die Kirche hofft auf Antworten beim Kind, doch dieses reitet auf einem Nilpferd, das der Perfektionsmaschine entsprungen ist. Der Reiche muss erkennen, dass der Penner der Erlösung näher ist als er selbst.

Bild 9: Vorsätze und Neubeginn
Das ungeborene Kind des Liebespaars hat die Diagnose “zystische Fibrose“. Die Ärzte warnen die Frau, doch ihre Meinung ist nicht mehr gefragt, jetzt spricht das Herz. Die Ahnen des Paars treten auf, Menschen mit Beschädigungen, Ecken und Kanten, und doch wunderbare Menschen. Der Reiche hat im Penner einen neuen Freund gewonnen. Dieser lehrt in, über seine ewige Furcht zu lachen.

Bild 10: Halbwertszeit der guten Vorsätze
Lenis Entscheidung für das Leben ihres Kindes hat für kurze Zeit alle verwandelt. Doch schnell kehrt der Alltag ein. Während das Kind mit der Theatergruppe der geistig Behinderten die Apokalypse vorführt, beginnt im Städtchen das Aufräumen. Strassenfeger sind wieder an der Arbeit. Was morgen ist, wissen sie noch nicht.

Das Nilpferd
Das Nilpferd steht für ein urzeitlich, mythisch anmutendes Lebewesen, das das Gegenteil von dem ausstrahlt, was die neuesten gentechnologischen Bestrebungen anpeilen. Es wirkt wie ein Rückblick in die Urzeit der Schöpfung, wie ein Gegensatz zu den Versuchen, die Schöpfung zu optimieren oder fragwürdige Lebensformen zu überwinden. Das Nilpferd steht in der Tierwelt relativ singulär.  Es ist gleichzeitig so gefährlich wie liebenswert und faszinierend. Viele Kulturen, Wissenschaften und Künste beschäftigen sich mit diesem Wesen, das unserer Zeit und den Strömungen unseres Stückes so fern scheint.